Diese Überlegungen sind aus der Weiterführung des Seminars des Netzwerk Lebendige Quartiere «Freiwilligenarbeit im Quartier» in einem Austausch zwischen Expertinnen und Experten aus dem Bereich der Freiwilligenarbeit entstanden. Ziel des Austauschs ist es gewesen, Fragen, die sich während dem Seminar gestellt haben, vertieft zu diskutieren. Dort ging es insbesondere um zwei Fragen: Was ist die Rolle der Städte in der Unterstützung des freiwilligen Engagements und wie können Freiwillige mit anderen Profilen gewonnen werden?
Freiwilligenarbeit in der Schweiz – Teilhabe und Mitgestaltung
Die zivilgesellschaftliche Organisation der Schweiz stützt sich in verschiedensten Bereichen auf Freiwilligenarbeit, denn diese ist in der Schweiz weit verbreitet (41% der Schweizer Bevölkerung engagieren sich formell, 51% informell). Freiwilligenarbeit stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt, denn sie fördert das Vertrauen in andere Personen und in politische Institutionen. Freiwilligenarbeit stärkt zudem die Handlungsfähigkeit der einzelnen Engagierten, da ihre Arbeit einen persönlichen Beitrag zur kollektiven Geschichte leistet. Das gemeinschaftliche Mitgestalten von Freiwilligen wirkt sich positiv auf die Lebensqualität und die Gesundheit aus. Auch kann die Arbeit als Freiwillige oder die Arbeit von Freiwilligen Integration ermöglichen und erleichtern. Dies wurde auch in den Austauschen im Netzwerk Lebendige Quartiere deutlich: Freiwilligenarbeit steigert die Selbstwirksamkeit, Freiwilligenarbeit im Quartier schafft Identifikation mit und Verwurzelung im Quartier.
Warum ist Freiwilligenarbeit Arbeit im Quartier wichtig? Das Quartier ist ein Ort, an dem soziale Integration stattfindet, ein Lebensraum, in dem Beziehungen zwischen Menschen geknüpft werden und Austausch zwischen den Bewohnenden stattfindet. Die Arbeit der Freiwilligen vor Ort steht jedoch vor mehreren Herausforderungen, da sich das Quartier in einem ständigen Wandel befindet. Ausserdem entsprechen die administrativen Grenzen des Quartiers nicht unbedingt den Lebensrealitäten der Bewohnenden. Ziel ist es, den Austausch zwischen den in den Quartieren engagierten Freiwilligen in Verbindung mit den verschiedenen Akteuren (Zivilgesellschaft, Verwaltungen, NGOs) zu fördern und die Zusammenarbeit zu stärken.
Beim diesjährigen Seminar des Netzwerks Lebendige Quartiere, welches der Thematik «Freiwilligenarbeit im Quartier» gewidmet war, wurde insbesondere das Gewinnen von neuen Freiwilligen und die Unterstützung von Freiwilligenarbeit diskutiert. Die Bundesebene spielt keine aktive Rolle in der Freiwilligenarbeit. So existiert beispielsweise keine nationale Strategie oder Politik zur Freiwilligenarbeit. Im eidgenössischen Parlament wurden verschiedene parlamentarische Vorstösse abgelehnt, jeweils auf Empfehlung des Bundesrats (siehe z.B. Interpellation 20.4679 Studer « Förderung der Freiwilligenarbeit»).
Denn das Potenzial der bereits aktiven Gruppen in der Freiwilligenarbeit scheint ausgeschöpft zu sein. Diese beiden Punkte wurden im Austausch unter Expertinnen und Experten vertieft: Wie können Städte Freiwilligenarbeit fördern? Wie können neue Freiwillige mit anderen Profilen gewonnen werden und anderssprachige Freiwillige gewonnen werden? Im Folgenden werden die aus dem Austausch hervorgegangen Thesen und Handlungsmöglichkeiten erläutert.
Verständnis von Freiwilligenarbeit im Netzwerk Lebendige Quartiere
These 1: Freiwilliges Engagement ist ergänzend zu den städtischen Aufgaben und ist eine Querschnittsthematik.
Freiwillige leisten einen wichtigen Beitrag in den Städten und wirken ergänzend zu den städtischen Aufgaben. Der Wunsch einer Person sich für eine bestimmte Thematik zu engagieren, steht im Zentrum, nicht der Wunsch einer Stadt, dass sich jemand für eine bestimmte Thematik engagiert (siehe These 3).
Die Förderung der Freiwilligenarbeit ist eine Querschnittsthematik, die verschiedenen städtischen Bereiche betrifft. Alter, Jugend, Kultur, Kinder, Integration, Sport, Umwelt und Biodiversität sind alles Bereiche, in denen sich Freiwillige engagieren. Auch im Quartier engagieren sich verschiedene Gruppen mit verschiedenen Zielen. Insofern ist ein breites Verständnis von Freiwilligenarbeit (hier findet sich eine mögliche Definition) ein Grundsatz für eine effektive Förderung. Um Freiwilligenarbeit als Querschnittsthematik zu koordinieren, könnte ein loses verwaltungsübergreifendes Gremium geschaffen werden, dass sich ein bis zwei Mal im Jahr trifft, in dem Synergien geschaffen werden und gemeinsame Lösungen gefunden werden.
Verständnis von fördernden Rahmenbedingungen im Netzwerk Lebendige Quartiere
Die Möglichkeiten für Städte, Freiwilligenarbeit zu fördern sind sehr breit und hängen von den Ressourcen der Stadt, wie auch vom lokalen Kontext ab.
These 2: Städte schaffen günstige Bedingungen, damit freiwilliges Engagement entstehen und bestehen kann.
Freiwilligenarbeit entsteht nicht nur aufgrund von günstigen Rahmenbedingungen, das Entstehen von neuen Projekten und der Fortbestand langandauernder Projekte können dadurch aber vereinfacht werden. Städte können materielle Unterstützung (Infrastruktur, finanzielle Unterstützung) bieten, um Freiwilligenarbeit zu fördern. Weiter kann das Begleiten und Koordinieren von Freiwilligenarbeit durch Mitarbeitende der Quartier-, Jugend-, Alters- und Sozialarbeit, oder der soziokulturellen Animation (teil)übernommen werden. Diese Aufgabe wird in einigen Städten durch das städtische Personal übernommen, in anderen wird diese Arbeit durch Vereine oder Organisationen ausgeführt, die Leistungsverträge mit den Städten haben. Eine weitere Funktion, die Städte wahrnehmen können, ist die Information und Vernetzung von interessierten Menschen oder Organisationen. Durch die Anerkennung der Freiwilligenarbeit wird die Wertschätzung der Stadt für dieses Engagement nach aussen getragen, was motivierend und inspirierend wirken kann. Kommunikationskampagne, Freiwilligenanlässe oder Preise können zu dieser Anerkennung beitragen.
Damit diese Rahmenbedingungen geschaffen werden, braucht es politischen Willen, um entsprechende Strukturen in der Stadtverwaltung bereitzustellen oder durch Mandate mit Organisationen zu schaffen.
These 3: Städte und Gemeinden fördern Engagement dort, wo Menschen freiwillig Verantwortung übernehmen wollen.
Ob gute Rahmenbedingungen ausreichen, damit sich Freiwilligenarbeit selbst trägt, ist nicht eindeutig zu beantworten, da dies situativ unterschiedlich ist. Es kann Sinn ergeben, freiwillige Strukturen auf Dauer zu erhalten; manche Projekte kommen aber auch zu einem Ende.
Der Grundsatz, dass Engagement dort gefördert wird, wo es aufkommt, oder existiert, ist zentral. Der Bottom-up-Ansatz garantiert, dass das Engagement Bedürfnissen aus den Quartieren entspricht. Die anfängliche Motivation muss schnell kanalisiert werden können, d.h. eine schnelle Vermittlung von Interessierten an entsprechend Organisationen ist möglich. Hier sind gute Information und Vernetzung der relevanten Akteur:innen und/oder Menschen mit ähnlichen Bedürfnissen wichtig.
Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind nicht in jedem Quartier gleich gegeben. Deswegen liegt in einigen Quartieren die Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit wesentlich höher. Insofern wird es in einigen Quartieren und Stadtteilen Bedürfnisse geben, die sich nicht unbedingt durch motivierte Freiwillige aus dem Quartier ausdrücken (siehe These 5).
Verständnis von Förderung in bestehenden Strukturen und neuen Konstellationen im Netzwerk Lebendige Quartiere
In der Schweiz bestehen verschiedenste Strukturen in der Freiwilligenarbeit. Diese bieten eine gute Grundlage für deren Förderung. Ihr Einbezug verhindert Doppelspurigkeit und sichert bestehendes Wissen. Veränderungen der Strukturen und der Involvierten (hohes Alter, Kirchenaustritte, …) haben auch eine Erneuerung der Strukturen zur Folge. Oft sind die bestehenden Strukturen auf der Ebene des Quartiers, der Stadt und der Region nicht ausreichend, um neue Freiwillige zu gewinnen, insbesondere Freiwillige mit einem anderen soziodemographischen Profil.
These 4: Neue Freiwillige werden gewonnen durch neue Formate, neue Orte und neue Ansätze.
Der Zugang zu Freiwilligenarbeit ist im besten Fall niederschwellig und adressatengerecht: Informationen sind einfach zu finden, der Einsatz findet in der Nähe statt, die zeitlichen Anforderungen sind gering, die verlangten Kompetenzen sind klar aufgeführt und variieren, um verschiedenen Profilen Zugang zu ermöglichen. Es lohnt sich, über die Temporalitäten von Einsätzen nachzudenken, und diese zu diversifizieren: Kurzfristigkeit vs. Langfristigkeit, wiederkehrende Einsätze vs. punktuelle Einsätze, Dauer und Tageszeit der Einsätze, etc.
Weiter braucht es Überlegungen zu den Zielgruppen der gesuchten neuen Freiwilligen: Wer fehlt und warum? Wie können diese Gruppen angesprochen und motiviert werden? Das Beispiel der älteren Menschen ist in diesem Kontext interessant. Wie alle Gruppen, ist auch diese heterogen. Die Gruppe der älteren Pensionierten (80+) brauchen andere Voraussetzungen, um einen Einsatz zu leisten, als frisch pensionierte Menschen.
Formate, wie etwa ein freiwilliges Engagement in einer Zwischennutzung, bieten eine Möglichkeit für Experimente des freiwilligen Engagements.
Verständnis von Ressourcen und Bedürfnissen in der Freiwilligenarbeit im Netzwerk Lebendige Quartiere
Wollen neue Freiwillige gewonnen werden, reicht das Experimentieren mit neuen Formaten nicht aus. Während gute Rahmenbedingungen für das Ausüben der Freiwilligenarbeit sowie breite Informationen zu den Angeboten die Basis bilden, müssen die Angebote zugänglicher werden. Hemmnisse wie sprachliche Barrieren, Mangel an zeitlichen Ressourcen und räumliche Distanz sind anzupacken und Zugänge aktiv zu schaffen.
These 5: Freiwilliges Engagement wird erleichtert durch Abbau von Barrieren, der Förderung von Vielfalt, mehr Flexibilität und Begleitung.
Der zielgerichtete Einsatz von Ressourcen bietet bei Freiwilligenarbeit im Quartier einen Handlungsansatz. Gewisse Quartiere können aufgrund von ihrer soziodemographischen Zusammensetzung oder der fehlenden Dichte von freiwilligem Engagement als Handlungsschwerpunkte für städtische Aktionen bestimmt werden. Beispielsweise können städtische Ressourcen in wirtschaftlich benachteiligten oder sozio-ökonomisch benachteiligten Quartieren oder solchen mit einem hohen Anteil an Migrationsbevölkerung eingesetzt werden. Ressourcen sind so einzusetzen, dass sie den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung entsprechen. Der Einbezug der Quartierbevölkerung ist zentral, dieser spiegelt sich auch im freiwilligen Engagement vor Ort.
Die Städte können mit Infrastruktur und Begleitung unterstützen. Auch fachliche Begleitung für Freiwillige können durch die Städte vermittelt oder angeboten werden. Das führt zwar nicht dazu, dass Menschen mit knappen Ressourcen mehr Zeit zur Verfügung haben, aber verbessert die Umstände in denen Freiwilligenarbeit ausgeübt wird.
Fazit
Freiwilligenarbeit hat eine grosse zivilgesellschaftliche und individuelle Bedeutung und trägt wesentlich zu lebendigen Quartieren bei. Freiwilligenarbeit ergänzt die städtischen Aufgaben (These 1). Der Wunsch von Freiwilligen, aktiv zu werden, steht am Anfang von freiwilligem Engagement (These 3). Das Ermöglichen von Freiwilligenarbeit durch gute Rahmenbedingungen ist wertvoll, um lebendige Quartiere zu fördern (These 2). Bessere Rahmenbedingungen für Freiwilligenarbeit, aber auch neue Formate bieten gute Voraussetzungen, um neue Freiwillige zu gewinnen (These 4). Neben den neuen Formaten müssen Barrieren abgebaut werden und Vielfalt gezielt gefördert werden (These 5).
Die Thesen sind eng miteinander verknüpft und decken nicht alle Bereiche ab. Ergänzungen sind willkommen. Auch in den Quartieren ist der Kontext jeweils verschieden – insofern gibt es keine Patentrezepte. Quartiere und Bedürfnisse verändern sich auch, was vor zehn Jahren gegolten hat, gilt vielleicht heute nicht mehr. Wir haben hier Handlungsmöglichkeiten für das Netzwerk Lebendige Quartiere aufgezeigt, die ergänzt und situativ abgestimmt werden können. Ein Hinschauen auf die Freiwilligenarbeit in den Quartieren lohnt sich auf jeden Fall.