NLQ vor Ort | Netzwerk lebendige Quartiere
Mittwoch, 25 September 2024, 13:30-17:15 Uhr
15 ans de travail de quartier à Pratteln : du Projet Urbain à une composante intégrée du développement communal
Pratteln, eine Gemeinde zwischen Dorf und Stadt, befindet sich mit seinen grossen Entwicklungsarealen in einem dynamischen Transformationsprozess. Das aktuell erarbeitete räumliche Entwicklungskonzept steckt den Rahmen für die nächsten Jahrzehnte. Die Dynamik bleibt hoch und ist integral zu behandeln. Neben den grossen Arealentwicklungen um den Bahnhof, neuen Grün- und Freiflächen weisen die grösseren Überbauungen aus den 60er und 70er Jahren mit Menschen aus 100 Nationen eine Herausforderung für die Quartierentwicklung auf. Dabei spielt die gute Verknüpfung zwischen baulichen und sozialen Prozessen eine zentrale Rolle und zeigt sich in Pratteln an der konkreten Zusammenarbeit von der Bauabteilung und der Quartierarbeit vor Ort.
Am Nachmittag des 25. Septembers 2024 hat die Veranstaltung NLQ vor Ort Pratteln stattgefunden. Die Begrüssung der Teilnehmenden im Quartiertreff Längi wird von Gemeinderätin Rahel Graf übernommen. Sie beschreibt Pratteln als Dorf, das städtisch und ländlich zugleich ist. Das Quartier Längi, das im Zentrum der Veranstaltung steht, hat eine besondere Stellung in Pratteln, da es sich an der Peripherie Prattelns befindet. Es wird räumlich durch die Autobahn und Bahnlinie vom historischen Dorfkern abgegrenzt. Das ist sicherlich einer der Gründe, weswegen sich die Bewohnenden der Längi stark mit dem Quartier identifizieren, Rahel Graf meint, die Längi habe beinahe „Kiezvibes“.
Die grossen Bauten der Längi entsteht als Satellitensiedlung während des Industriebooms der 60er-Jahre, erzählt Beat Thommen, Gemeindeverwalter der Gemeinde Pratteln. Durch die Salzvorkommen bei Pratteln, hat sich in den 50er-Jahren die chemische Industrie dort niedergelassen, deren Mitarbeitende Wohnungen in der Nähe suchten. Weswegen die Gemeinde in den 1960er-Jahren entschieden, in der angrenzenden Längi Wohnraum zu schaffen.
Das Quartier Längi besteht aus unterschiedlichen Bauten, Einfamilienhäuschen, aber vor allem der für die Längi charakteristischen Grosssiedlung. Die Mehrheit der Wohnungen in der Grosssiedlung Längi sind für heutige Verhältnisse kleine 3- und 4-Zimmerwohnungen. Während in Pratteln eine Person im Durchschnitt 40m2 pro Personen zur Verfügung stehen, sind es in der Längi 30m2 pro Person und für Familien in der Längi sogar nur 20m2 pro Person. In der Längi leben Menschen aus 100 Nationen zusammen, 42% der Anwohnenden haben keinen Schweizer Pass und nur bei 18% der Bewohnenden haben beide Eltern einen Schweizer Ursprung.
Quartierarbeit in Pratteln
Andrea Sulzer, Leiterin Bildung / Freizeit / Kultur der Gemeinde Pratteln, erzählt dass die Quartierarbeit in Pratteln durch die Projets Urbains entstanden ist. Pratteln wurde so während 8 Jahren von der Bundesförderung unterstützt (2008-2016). Das Projekt geht durch unterschiedliche Phasen: Zuerst geht es darum, Know-How in der Gemeindeverwaltung aufzubauen: Quartierentwicklung wird als integrale Arbeit gelernt. Es wird Wissen zum Quartier aufgebaut und ein Innenblick des Quartiers eingeholt. In einem zweiten Schritt baut die Gemeinde Pratteln Infrastruktur(en) vor Ort und in der Verwaltung auf. Mit dem Ende der Projets Urbains und dem Wegfall der Bundesgelder, stellt sich die Frage, wie die aufgebaute Infrastruktur aufrecht erhalten bleiben kann. Denn die Ressourcen haben sich um zwei Drittel reduziert, die Gemeinde muss die verbleibende Finanzierung auf das notwendige konzentrieren. Die Quartierarbeit trägt sich zwar in vielerlei Hinsicht stark durch Freiwilligenarbeit; die Koordination der Freiwilligenarbeit und die Vermittlung zwischen der Gemeindeadministration und den Quartierbewohneden ist aber Auftrag der Gemeinde, welche durch die Fachstelle Quartierarbeit ausgeübt wird.
Benjamin van Vulpen, Quartierarbeiter der Gemeinde Pratteln, berichtet von den heutigen Herausforderungen der Quartierarbeit in Pratteln. So wurde ein räumliches Entwicklungskonzept für die gesamte Gemeinde erarbeitet, auf welchem sich auch die künftige Entwicklung in den Quartieren orientieren soll. Während der Entwicklung des Konzepts konnte sich die Quartierarbeit mit einer sozialen Fachperspektive, aber auch mit Wissen zum Quartier in diesen planerischen Prozess einbringen. Weiter übernimmt die Quartierarbeit die Übersetzungsleistungen, indem sie über Planungsvorhaben in den jeweiligen Quartieren über spezifische Quartierkänäle und -kontakte informiert. Die Quartierarbeit organisiert runde Tische zwischen der Gemeindeverwaltung und den wichtigen Akteur:innen aus dem Quartier. Die Koordination der Freiwilligenarbeit, Aktivitäten und Gemeinschaftsräumen ist eine weitere grosse Aufgabe der Quartierarbeit. Hier stellt sich das Problem, dass das freiwillige Engagemant sehr volatil ist und bspw. Vereine auch das Engagement wieder aufgeben, weil der Aufwand zu gross ist.


Begehung
Nach den einführenden Präsentationen führen uns Benjamin van Vulpen, Quartierarbeiter, und Dirk Lohaus, Leiter Raumplanung, durch das Quartier Längi und zeigen uns verschiedene Orte, welche für das Quartier wichtig sind.
Gleich neben dem Quartiertreff befindet sich umfassende Bauzonen, die teilweise noch landwirtschaftlich teilweise gewerblich oder durch die ARA genutzt werden. Dieses Gebiet, Salina Raurica, ist eine der grossen Entwicklungsreserven des Kantons Basel-Landschaft, und könnte langfristig ein neues Quartier der Gemeinde werden. Zwischen der bestehenden Längi und dem Gebiet Salina Raurica Ost soll ein «lernender Quartierpark» entstehen, der beide Quartiere verbindet. Hierzu wurde mit dem Spielplatzprovisorium, welches sich gleich neben dem Quartiertreff befindet, eine erste Etappe geschaffen. Der Spielplatz soll in einem weiteren Schritt mit den Kindern der Längi partizipativ weiterentwickelt werden.
Für das Quartier Längi ist für die bestehenden 60er-Jahre-Bauten das Ziel: «Sanieren, Weiterbauen und sozialverträglich Aufwerten». Hier ist die Hauptaufgabe der Gemeinde nachhaltige Entwicklungsprozesse anzustossen und zu unterstützen. Aktuell wird durch die Zusammenarbeit mit Grundeigentümern eine Machbarkeitsstudie zur Weiterentwicklung eines Teils der Längi erstellt. Die sozialräumliche Perspektive wird dabei durch die enge Zusammenarbeit der Bauabteilung mit der Quartierarbeit integriert.
Die 60er-Jahre-Bauten sind von einem eher kargen und fantasielosen Aussenraum umgeben, weil die Eigentümer:innen der Wohnhäuser, vermutlich auch aufgrund des zerstückeltem Grundeigentums, dem Aussenraum lange wenig Aufmerksamkeit schenken. Hier bildet die Zusammenarbeit der baulichen Entwicklung mit der Quartierentwicklung einen wichtigen Ansatz: So wird bei den Baubewilligungen für Sanierungen ein qualitätsvoller Aussenraum eingefordert. Darüber hinaus können Aufstockungen und Ergänzungsbauten dazu beitragen, das Wohnungsangebot mit neuen Wohnungen zu ergänzen und zu diversifizieren.
In Zusammenarbeit mit der Quartierarbeit wurde auch die Längistrasse mit einem informellen Mitwirkungsverfahren in eine Begegnungszone umgestaltet. Ziel der Umgestaltung ist es gewesen, anlässlich von klassischen Werkleitungsarbeiten eine Begrünung, mehr Sicherheit und Aufenthaltsqualität für die Teilnehmenden der aktiven Mobilität zu erreichen. Die Längistrasse (siehe Foto links oben) geht durch die Mitte des Quartiers und an der Schule vorbei, was eine Gestaltung als Begegnungsraum umso sinnvoller macht, um die beiden Quartiershälften besser miteinander zu verbinden. Entlang der Längistrasse befinden sich auch die wichtigen Quartierinfrastrukturen: die Schule, das rege genutzte Vereinslokal des Demokratischen Arbeitervereins, ein Supermarkt, die Abfallsammelstelle. Die mobile Jugendarbeit hat beim Demokratischen Arbeiterverein Räumlichkeiten.
An die Schule Längi besuchen 150 Kinder den Unterricht. Von den 150 Kindern sprechen 86% sprechen kein Deutsch zuhause. Auf die Frage, ob sich die Lehrpersonen nicht mehr deutschsprachige Kinder oder eine grössere Mischung der Kinder wünschten, antwortet die Schulleiterin, dass an der Längi alle Kinder willkommen seien, es gäbe keine Präferenz für die Herkunft der Kinder. Ausserdem habe die Schule Längi auch die Kompetenz entwickelt, guten Unterricht für Kinder zu gewährleisten, welche aus verschiedensten Kulturen kämen und verschiedenste Sprachen zuhause sprechen. Die Schulleitung erzählt, dass die Zusammenarbeit mit den Eltern sehr gut laufe, da diese offen für Gespräche sind.
Diskussionen
Nach dem Rundgang diskutieren die Teilnehmenden in drei Gruppen zum Gesehenen und können Ihre eigenen Erfahrungen und Einschätzungen einbringen.
In den Diskussionen wird festgehalten, dass ein grosses Potenzial zur Weiterentwicklung des Quartiers Längi der Aussenraum bildet. Hierzu bedarf es kreativen Verfahren, welche den Aussenraum aufwerten und aneignungsfähiger gestalten, um somit indirekt den sozialen Zusammenhalt im Quartier zu stärken. Auch Ergänzungsbauten für weitere Wohnangebote, gewerbliche und sozio-kulturelle Nutzungen sind ein Potenzial.
Positiv identifiziert wurden die verschiedenen Strukturen, die Schule, der Laden, die Vereinstreffs und das Kirchgemeindehaus, welche bereits im Quartier existieren und zur Quartieridentität und zum Quartierzusammenhalt beitragen.
Festgehalten wurde auch, dass Aktivitäten im Quartier, wie etwa das Quartierfest, sehr wichtig sind, da diese zum sozialen Zusammenhalt im Quartier beitragen, aber auch eine gute Gelegenheit für den Beziehungsaufbau der Quartierarbeit mit den Bewohnenden bieten. Für den Beziehungsaufbau müssen aber auch andere Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, damit dieser laufend betrieben wird. Zu der Beziehungsarbeit im Quartier gehört auch eine gute Begleitung der Freiwilligen.
Die Teilnehmenden bemerken weiter, dass integrale Quartierentwicklung bedeutet, dass der Soziokultur viel Aufmerksamkeit geschenkt wird und administrationsintern Strukturen geschaffen werden, bei welchen sich die verschiedenen Abteilungen auf Augenhöhe begegnen und zusammenarbeiten, beispielsweise haben Bauprojekte oft ein grosses Potenzial für die Quartierbevölkerung. Integrale Quartierarbeit bedeutet auch, dass dort Angebote geschaffen werden können, wo Lücken festgestellt werden.
Benjamin van Vulpen und Andrea Sulzer schliessen den Nachmittag ab mit den wichtigsten Learnings. Quartierarbeit bedeute auch viel Kommunikation zu den laufenden Projekten mit allen Beteiligten. Beide freuen sich an den vielen engagierten Menschen, freiwillig und beruflich, welche zum Zusammenhalt der Längi wesentlich beitragen. Einzig etwas mehr Ressourcen für die Arbeit im Quartier wünschen sich die beiden.
Das Netzwerk Lebendige Quartier bedankt sich herzlich für die Einladung und den spannenden Anlass bei der Gemeinde Pratteln und wünscht gute weitere 15 (und mehr) Jahre Quartierarbeit.